Der Autor der Polizeiserie, Martin Walker, wird nächstes Jahr 80 Jahre alt. Die Fortsetzungen haben schon seit einiger Zeit etwas an Schwung verloren. Das «Personal» ist in den bisher 18 Folgen von allen Seiten und in aller Tiefe ausgeleuchtet worden. Auch die Region und ihr historischer Hintergrund (von den Neandertalern bis zur Gegenwart) sind vom promovierten Historiker (der sich hier in literarischen Gefilden bewegt) in seine Geschichten eingeflossen. Das literarische Vorbild von Bruno Courrèges, der einstige Polizeichef von Le Bugue, ist inzwischen gestorben und Bruno selbst ist nicht mehr so «buschber» und sexy wie noch vor Jahren. Auch eine Erfolgsserie geht einmal zu Ende. Doch – dieses Mal hat es Walker geschafft, eine neue Szenerie zu entwickeln. Bruno selbst gerät in Schwierigkeiten und eine
neue «Idealfrau» taucht auf. Die Fangemeinde atmet auf. Bruno ist unerwartet in einen Jungbrunnen gefallen. Mir kommt es vor, als hätte der neue Bruno-Band einen falschen Titel. Nicht Bredouille (Verlegenheit, Bedrängnis) sollte er heissen, sondern Entr'acte (nach dem französischen Kurzfilm von René Clair). Zwar ist der Inhalt nicht surrealistisch, wie in Clairs «Zwischenpause», aber ästhetisch, faszinierend, überraschend, sogar hintergründig, wie es Clairs Film vor hundert Jahren war. Nicht ein Neuanfang also, aber ein gelungenes Zwischenspiel, das wieder Spass bereitet. Peter Züllig
Definition: "Ein Werk, das reale Personen, Ereignisse oder Institutionen in einer fiktiven Handlung tarnt. Der „Schlüssel“ ist das Wissen, das der Leserschaft ermöglicht, die wahren
Identitäten der Charaktere und Orte hinter den erfundenen Namen zu entschlüsseln"
(KI generiert). Es ist nicht ganz einfach, das Buch literarisch zu fassen und einzuordnen, den Inhalt in einem Roman aufgehen zu lassen. Dafür ist
die Sprache stellenweise zu «leichtfüssig» (dies habe ich immer wieder in Rezensionen gelesen), zu episodisch behaftet, zuweilen sogar humorvoll bis sarkastisch. Dies bei einem Thema, das ernst
ist, todernst sogar. Eine verspielte Ernsthaftigkeit wird durch Situationskomi.
immer wieder ins Normale, ins Alltägliche zurückgeholt. Nein, «Liebe ist nicht so», möchte man der Autorin sagen, doch widersprechen mag man ihr nicht. Dafür sind die Figuren – es sind nicht viele – zu lebensnah gezeichnet. Eine ichbezogene Mutter, die bis zum allerletzten Augenblick in sich (und um sich) selbst kreist. Eine Tochter, Anja, die sich den Erwartungen der selbstverliebten Mutter entzieht, bis der Tod (Termin bekannt) eine Flucht nicht mehr zulässt. Anja muss dabei sein, wenn die Mutter stirbt, selbstbestimmt, überzeugt von ihrer dienenden Mission als Frau eines grossen verstorbenen Künstlers (Anjas Vater), der sich allmählich zu Tode gesäuft hat. Ein ehrgeiziger Schriftsteller, der nur vom eigenen grossen Erfolg träumt, aber immer wieder enttäuscht wird , und von dem sich Anja nicht lösen
kann. Eine triste Welt, die nur erträglich ist, durch die beiläufige Gelassenheit der Hauptfigur, die in einer Bar eine Art Heimat findet. Ihre Freunde: der schwule Besitzer des Lokals, der bereit ist zu geben, zu verstehen, zu trösten, aber von Anja keine Liebe will; die beiden Stammgäste Oli und Jack, die einfach nur da sind, Tag für Tag, gehüllt in den Dunst des Alkohols. Das alles, die Milieuschilderung, der unspektakuläre Alltag, der dem «Ereignis» (selbstbestimmter Suizid der Mutter) gegenübergestellt wird, ist schon sehr, sehr gut. Es lohnt sich, in das enge Schlüsselloch (Boulevardbegriff) zu gucken, wo Leben bewusst und brutal abgewürgt wird.
Nello Biedermann
Lázár
Roman
2025, Rowohlt Verlag, Berlin, 10. Auflage
331 Seiten, ISBN 978-3-7371-0226-1
(Fortsetzung)
Ganz einfach ist es nicht, sich der Faszination, der Sprache, der Geschichte, der Ernsthaftigkeit, aber auch der Unterhaltung des Romans, mit ihren Windungen und Wendungen ganz zu verfallen oder sich zu entziehen. Muss man auch nicht. Als „neuer Zauberer“ hat ihn ein Rezensent bezeichnet und hat damit
einem Wort viel von dem ausgedrückt, was zum „Hype“ dieses Romans (in der Literaturszene) beigetragen hat. Zauberer arbeiten mit bestimmten Requisiten, Techniken, mit Verborgenem und einem überzeugenden Auftritt auf einer gut beleuchteten Bühne, die aber voller Geheimnisse ist. Tut dies auch unser junger Autor? Ja, er spielt damit: zum Beispiel mit der Technik des Weglassens, der Verkürzung, des Versteckens, die immer wieder zu Illusion führt. Vor allem gibt er nicht Preis, "wie es dazu gekommen ist" (Entwicklung) oder „kommen konnte“ (Begründung). So sind seine kurzen Kapitel (60 an der Zahl) so Episoden, die zwar eine personelle, örtliche, zeitliche und inhaltliche Zuordnung haben, aber nur eine vage Vergangenheit und Zukunft. Das Weglassen von dem, was die Leserinnen und Leser nicht lesen, sondern denken, erraten, entwickeln, ist einer der in dieser Häufigkeit nur selten angewandten „Zaubertricks“.
Vielleicht ist deshalb die Aufmerksamkeit und die Begeisterung so gross, weil man von einer „Familien-Saga“ in aller Regel einen „Entwicklungsroman“ erwartet, der sich meist „brav“ zusammenfügt und nicht selten im Untergang oder im Verfall endet. Auch hier macht Nellio Biedermann fast schon eine Ausnahme. Es wird alles gut, man weiss nur nicht wie. Überraschend, spannend, schön, elegant, sogar süffig ist das Erzählte, selbst wenn es zeitgeschichtlich hartes, verlustreiches, verzweifeltes, ja tödliches Geschehen (oft mit präziser Orts- und Zeitangabe) aufgreift und fast klaglos – als wären es unausweichliche Schicksale - durch ein ganzes Jahrhundert zieht.
Was vielfach öffentlich (z.B. NZZ) und fast immer "hinter verschlossener Hand" angeprangeert wird ("Edelporno") - die vielen Sexszenen finde ich eher ermüdend, als belastend. Im Gegenteil: Da wird ein Prinzip des Buchs, das Beschreiben und Verschweigen in in extenso vorgeführt. Peter Züllig
Gelesen:
Martina Clavadetscher
Die Schrecken der anderen
Roman
Fortsetzung
Es ist ein politisches Buch, mit vielen Anspielungen und dem immer wieder hochkochenden Problem des Vergessens. Die lockere Form, die etwas schrillen Figuren, überspielen den hochpolitischen Inhalt. Die Fiktion verschiebt die Realität – oft ins Theatralische, ins Kuriose, ins Absurde.
Ein «Versteckis», das leider nicht immer aufgeht. Zu viele Fäden, zu viele Stränge, zu viele Personen. Fäden werden munter gezogen: «Ich habe doch gesagt, alles ist miteinander
verbunden». Bis der Knäuel nach Ordnung schreit und diese wiederhergestellt wird, Punkt für Punkt. Erste Ansichtskarte, zweite Ansichtskarte … Alles sehr gekonnt, geschmeidig, bis
zum Verdacht, dass dies alles in einer «Schreibschule» angestossen, gelernt und perfektioniert werden kann. Im ersten Augenblick löst dies beim Lesen echtes Erstaunen aus: «Wow...», ja
Bewunderung. Da «taumeln ein paar Staubpartikel durch die Luft». Und dann «verleiht der Lichtkegel dem Raum etwas Wissenschaftliches». «Alles hat
die Farbe eines Untersuchungs-zimmers». Die Stimmung schlüpft dauernd in Bilder, die herbeigezaubert werden. Irgendwo aus dem Leben gestohlen. An einen anderen Platz versetzt. Das
ermüdet. Die "Wows" ersticken im Stil der Schilderung. Eigentlich schade, denn das Thema «Vergessen», angelehnt an ältere und jüngere Ereignisse, aus dem verdrängten Erbe einer Zeit, die man nie
vergessen darf. Die «Anmerkungen» – mehr als eine Seite – nach dem Ende des Romans erinnern: Hallo, da war doch was! Nicht nur in der Fiktion, in der Realität der erzählten Geschichte
Peter Züllig
Gelesen:
Clemens Meyer
Projektoren
Roman
Es ist schade, dass diese Unbeherrschtheit des Autors angesichts der Enttäuschung weitgehend die Auseinandersetzung mit einem Werk überlagert, das in seiner Art einmalig ist - und auch schwer zu beschreiben und bewerten. Eine Zusammenfassung der "Geschichte"? Wohl möglich, es wird aber dem Werk nicht gerecht.
Was mit einem kühnen, aber durchaus erhellenden Gedanken beginnt, Kriege im ehemaligen Jugoslawien, dem heutigen Kroatien, wo vor sechzig Jahren noch Karl-May-Filme gedreht wurden, herrscht in den 90er-Jahren ein blutiger, realer Krieg. Fast zehn Jahre lang. Wo lex Barker und Pierre Brice am Lagerfeuer sassen, ist tödlicher ernst geworden. Zehn Jshre lang, mit vielen Verstrickungen, Greueltaten und mehr als 200'000 Tote. Warum? Was ist passiert? Wie konnte es soweit kommen? Das erhellt der Roman nicht, sondern schafft immer neue Bezüge: europawei, weltweit, über Jahre, jahrzehnte, Jahrhunderte... Gegenwart, Vergangenheit ind Zukunft vermischen sich, stützen sich, umkreisen immer wieder Krieg und Gewalt.
Zusatzbemerkung
Zwei dicke Bücher: das eine, die neue Biografie von Tilmann Lahme zu Thomas Mann (600 Seiten), das andere „Die Projektoren“ von Clemens Meyer (1056! Seiten), ein «apokalyptisches Feuerwerk». Beide Bücher sind gelesen – doch sie liegen noch auf meinem Pult, Mahnmale für die obligatorischen Notizen in der Rubrik «Gelesen». Ein gutes Jahr habe ich gebraucht, um Meyers Roman zu «verdauen». Dazwischen liegt auch der «Skandal» bei der Verleihung des Deutschen Buchpreises, als Meyer das Verdikt nicht akzeptieren konnte und den Saal verliess. Das hat dem Buch sicher Aufmerksamkeit, aber dem Autor wenig Sympathien gebracht. Schade, denn das Mammutwerk selbst ist ein Meisterwerk, allerdings – mit seinen vielen Verästelungen - nicht ganz leicht zu lesen und zu verarbeiten. Für einmal bleibt selbst der Klappentext reichlich nebulös: «Schonungslos und rasant erzählt „Die Projektoren“ von unserer an der Vergangenheit zerschellenden Gegenwart » . Oder der Rezipient in der Zeitung "Welt": «Eine Zeitenwende für die Literatur».
Adolf Muschg
Nicht mein Leben
Erzählung
2025, 3.Auflage, Verlag C.H.Beck,
175 Seiten, ISBN 978-3-406-82967-3
"Nicht mein Leben" ist eine Erzählung über Wahrheit und Lüge im Leben und Lieben des August Mormann, das vielleicht persönlichste Buch des Büchner-Preisträgers Adolf Muschg. August Mormann, achtzigjähriger, zunehmend fragiler ehemaliger Schweizer Gymnasial-professor für Alte Sprachen und Autor leidenschaftlicher Essays über Europa, sucht sich eine Grabstätte auf einem Zürcher Friedhof. Seine viel jüngere, aus Japan stammende dritte Ehefrau Akiko Kanda möchte einmal mit ihm in seinem Grab liegen. Ein anrührender Liebes-beweis in einer komplizierten Ehe. Das und die Entdeckung, dass sein Grab-Nachbar sein ehemaliger Mitschüler Robin ist, der ihm, dem verwaisten und von seinen Halbgeschwistern allein gelassenen Jungen, einst sein geistiges Überleben ermöglicht hat, bringt Mormann dazu, sein Leben und dessen Spielregeln zu überdenken. Als er von einer nicht nur wegen des Überfalls Russlands auf die Ukraine überschatteten Europa-Konferenz in Triest nach Hause kommt, ist seine Frau verschwunden." (Klappentext)
Ist es nun sein Leben? Oder eben nicht, wie der Titel des Buches behauptet? Ein Ausschnitt, ein paar Episoden, ein Rückblick auf die jüngste Vergangenheit des 90-jährigen Schriftstellers? So genau lässt sich Muschg doch nicht in sein Leben schauen. Er grenzt sich ab, ohne sich abzugrenzen. A.M. ist nicht Adolf Muschg, es ist August Mormann mit zwei weiteren Namen, die er immer wieder geschickt einsetzt: Outis (Pseudonym von Odyseus, Relikt aus seiner Zeit als Gymnasiast), Famu (Pfadi-Namen). Mal ist er der August, mal der Gymnasialprofessor Mormann.

Auch die Erzählperspektive wechselt Muschg fast unbemerkt: von aussen (Beobachter) nach innen (persönlich Erlebender), von der Erzählung (dominierende Form), zur ganz persönlichen Ich-Botschaft. Da spürt man den Sprachvirtuosen, der die Sprache zur Vermittlung einsetzt und nicht für Konstruktionen der Verwirrung und Vertuschung. Namen, Räume, Geschehen, Erinnerungen präzis setzt und doch immer wieder offen lässt für Fragen, Vermutungen, Träume, Ängste, Hoffnungen... Und dies alles in Tuchfühlung mit dem Tod.
Ein grossartiges Buch, bis auf einige lange Seiten, wo der Ich-Erzähler in den Ton des Dozenten fällt, unglaublichbedeutungsschwanger, schwer verständlich, nahe an einem literarischen Geschwurbel. Da ist ihm - meine ich - die Erinnerung an den Kulturwissenschaftler hochgekommen. Es sind meist Zitate aus Kunst und Kulturbetrachtungen (zum Beispiel zur "Zauberflöte", "Wehe dem der lügt", auch zu Europa, ein Vortrag, den er selbst im Buch ad absurdum führt...) Für mich sind es die Reflexion, die Nähe zu Leben und Tod und die Sprache, die welche die Erzählung – «vielleicht das persönlichste Buch von Adolf Muschg" (klappentext) - zum Erlebnis machen. Peter Züllig
Wolf Haas
Wackelkontakt
Roman
2025, 3. Auflage, Verlag Hanser München,
239 Seiten, ISBN 978-3-446-28272-8
Ein Experiment, faszinierend, spannend und lesenswert, nicht nur aufgrund der Erzähltechnik. Zwei Geschichten, aufgerollt in zwei Büchern, die langsam aufeinander zustreben und ineinanderfliessen. Sie bilden schliesslich eine neue Einheit, eine neue Erzählung, Überraschungen, Verwirrungen und Umwege eingeschlossen. Ein Konstrukt, das zwar funktioniert, aber eine Bindung der Leserinnen und Leser zu den Protagonisten fast unmöglich macht.
Zu viel findet im Kopf statt, und kaum «im Herzen». Gefühle scheinen dem Autor – zumindest in dieser Anordnung, in diesem Roman – inexistent zu sein, auch wenn es um Leben und Tod geht. Franz Escher - eine der beiden Hauptfiguren – wirkt in seinem Denken, bei seinen Handlungen und Entscheidungen zwar nüchtern, logisch, aber eher skurril und wenig plausibel. Der Autor hat es offensichtlich darauf angelegt, den Ablauf verständlich und flüssig zu machen, schafft damit aber eine Distanz, die auch satirisch aufgefasst werden kann, schwankend zwischen Naivität und Unglaubwürdigkeit, zwischen Verständnis und Täuschung.
"Der Trauerredner Franz Escher wartet in seiner Wiener Wohnung auf den Elektriker, denn eine Steckdose in der Küche hat einen Wackelkontakt. In der Jetztzeit greift er zu seinem bereits begonnenen Buch, um das Warten mit Lesen zu überbrücken. Seit längerer Zeit nimmt er nur noch Geschichten zur Hand, in denen das organisierte Ver-brechen agiert. Im aktuellen Roman sitzt der 22-jährige Protagonist Elio Russo im Jahr 2002 in Südkalabrien in einer Hoch-sicherheitszelle. Er wird bald ein neues Leben in einem Zeugenschutzprogramm beginnen....Wolf Haas hat mit „Wackel-kontakt“ einen Roman geschrieben, der dem Titel alle Ehre macht. Die Geschichte bewegt sich auf zwei Erzählebenen ohne sichtbare Abgren-zungen hin und her. Sobald eine der Figuren zum Buch greift, wechselt das Szenario. Die Übergänge sind fließend, jedoch mit Cliffhangern. Mitunter erfolgen sie unerwartet und rasch. Die Benennung des Protagonisten Escher erfolgte mit Bezug auf den gleichnamigen niederländischen Künstler, der in seinen Bildern mit Perspektiven spielt. Bekannt wurde er beispielsweise für die Darstellung einer endlosen Treppe. Ähnlich kann sich der Lesende die Fiktion des Autors vorstellen" (Quelle: "vorablesen", giridin)
Der Name «Escher» deutet auf die geistige Verwandtschaft mit dem niederländischen Künstler Maurits Cornelis Escher (1898 -1972), der durch Darstellungen perspektivischer Unmöglichkeiten und optischer Täuschungen bekannt, ja berühmt wurde. Seine Konstrukte sind tatsächlich so etwas wie ein optisches Abbild der literarischen Konstruktion von «Wackelkontakt». Der Gegenspieler von Escher, der «Held» der zweiten Geschichte, ist Marko Steiner, ein Mafioso, der in einem Zeugenschutzprogramm eine neue Identität angenommen hat und fortan schweigend durch sein neues Leben geht. Was daraus entsteht, ist eine «Kopfgeschichte», einheitlich, voller Überraschungen, aber auch emotional nahezu tot. Peter Züllig